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Henri Barbusse - Erste Novellen



»Mir ist, als sei ich nach einem Schiffbruch der einzige Überlebende in einer Welt, die eine Katastrophe zerstört hat.«
Diese Worte stehen in Henri Barbusses Roman »Das Feuer«, sie geben den Eindruck ihres Dichters wieder, den er vor seiner Zeit empfand, sie geben aber auch den Eindruck der Zeit wieder, den sie vor ihrem Dichter empfand.
Denn das war Barbusse: Der einzige Überlebende. Der Mensch schrie, viele zerfetzte irrende Schreie waren über den Wassern, über dem sinkenden geborstenen Schiffsrumpf, auf dem Europa stand, noch zu hören, aber alle gingen ohnmächtig unter, alle Stimmen nahm der Sturm mit sich und nur eine blieb, nur einer ward gerettet, er brachte den Funken vom ewigen Feuer der Menschheit wieder ans Land, er stieg auf den Berg, er ließ die Flamme zum Himmel steigen als Zeichen des Menschengeistes über Not und Untergang. Diese Stimme rüttelte auf, dieses Fanal war erstes Zeichen der Empörung des Menschen gegen die Gewalt.
»Die Zukunft! Die Zukunft!« donnerte Barbusse, »das Werk der Zukunft wird darin bestehen, unsere Gegenwart auszulöschen und noch mehr als man denkt, als etwas Niederträchtiges und Schändliches. Und doch war diese Gegenwart notwendig, sie war notwendig! Fluch dem Kriegsruhm, Fluch den Armeen, Fluch dem Soldatenhandwerk, das die Männer abwechselnd zu blöden Opfern und zu verruchten Henkern macht! Ja, Fluch; wahr ist es, aber es ist zu wahr, es ist wahr für die Ewigkeit, für uns noch nicht. Vorläufig heißt es, wach sein mit den Gedanken! Es wird erst dann wahr sein, wenn es eine ganze wahre Bibel geben wird. Es wird wahr sein, wenn es mit anderen Wahrheiten zusammengeschrieben stehen wird, mit anderm Wahrheiten, die dann der geläuterte Geist zugleich verstehen wird. Wir aber sind verloren und verbannt und weit entfernt noch von jenen kommenden Zeiten. Heutzutage, in diesem Augenblick, bedeutet diese Wahrheit schier einen Irrtum und ihr heiliges Wort ist nur eine Lästerung.«
So stand der Ueberlebende vor dieser Zeit, verlassen wie Robinson, ihren schaudervollen Untergang im Herzen, die Sehnsucht nach einer neuen menschenwürdigen Gemeinschaft im Geiste. Und er begann mitten in der Wüste der Granatlöcher, den Schründen des Hasses, zu arbeiten, seine Vision eines brüderlichen Daseins aus sich herauszureißen und in die Tatsächlichkeit zu stellen. Ein neuer Robinson, begann er von vorne, schuf er sich und seinem Geist Dach und Existenz. Der Roman »Clarté« entstand – die Wahrheit wurde Tat. Mit der Leidenschaft eines Menschen zur Hilfe, zur Rettung, suchte er Freunde, suchte er Brüder – bei seinem Volke und bei den anderen. Die guten Geister gilt es zu vereinigen, ihr Reich, irgendwo in der Ferne noch dämmernd, vorzubereiten. Er wird nicht müde, er arbeitet in der Gruppe »Clarté«, er kämpft mit der Association republicaine des anciens combattants, er verwirklicht die sozialistische, internationalistische Idee im »Populaire« mit Jean Longuet, er ruft nach Deutschland hinüber, ruft zur heiligen Brüderschaft auf.
Rastlos ist dieser Mann, er steht vorne, er steht im Schlachtlärm der Zeit, er ist Brausen, Leidenschaft, Pathos, Tat. Einer seiner Freunde beschreibt ihn: »Er ist groß, hager, mit energischen Zügen; in seinem tiefen und forschenden Blick liest man ungeheure Tatkraft und schöpferische Gewalt.« So ist auch sein Leben, so ist auch sein Werk.
Das Sonderbare, ja Wunderbare der Sendung Henri Barbusses ist damit jedoch kaum geahnt oder angedeutet, es liegt jenseits des Sichtbaren. Wäre diese Energie, die im Zusammenbruch einer Zeit sich hochriß und dem Leben neue Form geben will, von Anbeginn laut und expansiv, so erfüllte sie sich nur, so hatte sie nur ein größeres, ein wahres Ziel gefunden. Aber Henri Barbusse, der 1873 in Asnières, im Weichbild von Paris, geboren wurde, war ein anderer, ehe er den Ruf zur Leidenschaft erhörte. Sein Vater war ein erfolgreicher Schriftsteller, sein Schwiegervater wurde Catulle Mendés. So schien sein Leben von Literatur zu Literatur in der einfachsten Linie zu gehen. Im Collège Rollin erregte er Aufmerksamkeit, beim allgemeinen Wettbewerb der Sorbonne wurde er dreifach ausgezeichnet, ein Preis für Rhetorik, ein zweiter für Philosophie, ein dritter für lateinische Sprache wurden sein. Auch an der Universität legt er leicht und gut seine Prüfungen ab. 1892 wird der Unbekannte bei einem literarischen Wettbewerb mit seinen Gedichten Sieger – ein Vorzugsschüler, ein Glückskind, einer, der mit Bravour seinen Weg machen wird, und sicher einer, dessen Stille, Zartheit und Keuschheit hinter den Erfolgen eines regelmäßigen Lebens verschwinden.
Ein Dichter! Keiner, den Trommeln und Fanfaren begleiteten, sondern einer, der Flöten und Violinen mit scheuem Gefühl horchte – so schien es. Die Keuschheit seiner Empfindung war rührend. Sein scharfes Auge sah hinter den Dingen Anfang und Ende der seelischen Pilgerfahrt. Und er selber, der Dichter dieser »Ersten Novellen«, sah wahrscheinlich sein Leben so: »Ich stand ergriffen – und wie tief ergriffen! – vor einer alten schäbigen Katze, vor einem ausgemergelten und knochigen Pferd, dessen elender Leib schon dem Fleischer verfallen war, an der Schwelle des Schlachthauses legte ich meine Arme um den Hals der Kälbchen, die hineingeführt werden sollten; oft blieb ich auf der Straße stehen, um ein verkrüppeltes Kind vorbeizulassen, das mir dann natürlich die Zunge herausstreckte; und oft genug bin ich zu spät zu Tische gekommen, weil ich in einer Art schmerzhafter und endloser Entrückung auf das Tor oder auch nur auf die Mauer des Krankenhauses gestarrt hatte.« Von dem Barbusse das erzählt, der beginnt sein Leben so, den Menschen ein Idiot. Er kommt nach Paris, wird Weltmann, erringt Erfolge, flüchtet lorbeerbedeckt aus der Stadt wieder in das Heimatdorf, das ihn, wie zur Entschuldigung, feiert. Er aber zieht sich zurück, fühlt sich von Schatten und von dunklen Zimmerecken wie von Lebenden angezogen, er wird gerührt beim Anblick zitternder Greise und kleiner Kinder, er geht Tieren nach, die man zum Tode führt, liebkost sie. »Ihr versteht mich wohl: ich wurde, wie ich früher gewesen. Aber nicht mehr, weil ich nichts vom Leben wußte, sondern weil ich alles wußte. Mit Bewußtsein, mit Glaubenskraft fange ich seht aufs neue an, das Mitleid zu üben, das ich dereinst nur dumpf empfand. Dieses Mitleid hat mich einmal im Dunkel geführt, nun beschließt es in Klarheit mein Leben. Ich gebe mich ihm hin im vollen Besitz meiner Erfahrungen und ich finde keine Freude mehr an dem Wirbeltanz der Bestrebungen und des Fortschritts. Aufs neue bin ich taub für den Lärm der Gespräche und das Geschrei der Versammlungen und ein Schrecken schüttelt mich im voraus, wenn ich mich genötigt sehe, politische Artikel, Reden, Bücher zu lesen. Rings um mich herrscht das Mitleid, es hüllt mich ein, es schenkt mir milde Offenbarungen, die einzigen, die echt sind und die würdig sind, zu herrschen . . . Bis ans Herz versinke ich in die Größe der Natur und der Wahrheit und werde abermals, und diesmal rettungslos, zum Idioten.«
So mag der junge Barbusse sein Leben gesehen haben, am Ende still verdämmernd im Mitleid des Kindes.
Da kam der August 1914. Barbusse hatte bei den Hilfstruppen gedient, er muß einrücken. Er aber, aus dem Gefühl seiner Anständigkeit heraus, aber auch aus dem seines Vorzugsschülertums, das ihn nicht auf den hinteren Bänken duldet, will zum Heer, zu den Armeesoldaten eingereiht werden. So kommt er ins Feld und wird auch hier ausgezeichnet, bis er körperlich zusammenbricht, aus der Front nach hinten geschafft wird und gegen Ende 1916 »Le Feu« zu schreiben beginnt.
Der Stille war laut geworden, der keusch in sich Zurückgezogene predigte die neue Heilslehre auf dem Markt, der Lyriker wurde Politiker. Und das ist das Wunderbare der Sendung Barbusses, wie einer gegen seinen Willen zum Propheten wird, wie einer auf der Flucht in den Traum, von der Not und dem Irrsinn der Menschen jäh gepackt, sich in den Wirbel des Lebens stürzt, zu retten, zu helfen. Nicht sein Ziel war anders geworden – immer hatte es ihm geleuchtet: ein reines, edles, ehrfürchtiges Menschentum, immer war er zu ihm unterwegs gewesen, nur wir hatten es nicht bemerkt, wir, die nie den Stillen sehen, immer nur den Lauten, die glauben, der größere Lärm allein gebe auch größere Leidenschaft. Barbusse hatte immer dieselbe zähe Leidenschaft – aber sein Schicksal war nicht, Glocke zu sein, die den Angelus läutet und sanft verklingt, sondern er mußte Sturmglocke werden, wollte er sich nicht verraten. Dies ist der Mythos im Leben Barbusses. Was er im Anfang wollte: das Gefühl für das Menschentum zu wecken, war das, was er auch in der Mitte seines Lebens erstrebte. Nur merkten es die am Anfang nicht, sie lasen darüber hinweg, sie lasen allerhand Seltsamkeiten heraus, aber dieses große, klingende Fragen: Du, o Mensch – hörten sie nicht. Erst, als die Welt in Flammen stand, als auch dieser Stille schrie, da hörten sie, da erkannten sie.
Aus einem Anachoreten im Heiligtum der Seele wurde mit eins ein Apostel mit feuriger Zunge – so ins Tragische wuchs die Sendung Henri Barbusses.
(Aus der Vorrede zu den Ersten Novellen von Oskar Maurus Fontana)

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