Direkt zum Hauptbereich

Hermann Stehr - Meta Konegen

Hermann Stehr - Meta Konegen



Hermann Stehr verkörpert mit seinem beachtenswerten Frühwerk (1898-1905) eine besondere Spielart des Impressionismus, die den »Naturalismus des Innenlebens« stofflich mit Themen der Heimatkunstbewegung verknüpft. Für sein einziges Drama "Meta Konegen" (1904) gilt letzteres freilich nicht; vielmehr handelt es sich hierbei um ein Fallfrucht vom Baume Henrik Ibsen und ein im Wesentlichen dem zeitgenössischen Naturalismus verpflichtetes Werk, dessen Existenz sich wohl nicht zuletzt der Freundschaft des Dichters mit dem Landsmann und prominenten Dramatiker Gerhart Hauptmann verdankt.
Ein Breslauer Professor, 39 Jahre alt, hat sich mit seiner Familie in die schlesische Bergeinsamkeit zurückgezogen, um sich ganz seinem pädagogischen Reformwerk zu widmen; dabei vernachlässigt er in seinem realitätsflüchtigen Idealismus schon seit längerem sträflich seine attraktive 26jährige Frau Meta, deren Verlangen nach sensueller und sexueller Zuwendung von ihrem Mann lediglich als vazierende Triebhaftigkeit und vor allem als störend empfunden wird. Da gibt es jedoch noch einen sehr interessierten musikalischen Neffen Konegens, der gerade auf Besuch weilt; ferner lässt der ortsansässige Pfarrer die Sittlichkeit des Hauses Konegens durch dessen Dienstmädchen bespitzeln, weil die Kirche des Professors Reformpläne als atheistischen Angriff auf ihre Prädominanz in Sachen Erziehung deutet... So nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Das Drama spiegelt durchaus Stehrs persönliche Erlebnisse. Unter dem Eindruck des raschen Todes drei Kinder hatte er Befreiung in seiner Novelle "Das letzte Kind" (1903) gesucht, die dem Schulmeister wegen ihres undogmatischen religiösen Inhalts den Entzug des katholischen Religionsunterrichts eingebracht hatte.
Auf "Meta Konegen" hatte Stehr nach bisher fehlgeschlagenen Erwartungen auf den Publikumserfolg große Hoffnung gesetzt; die Aufführung 1905 wurde jedoch zum großen Fiasko - das Drama wurde kritisiert als kompositorisch fragwürdig, in den technischen Details unbeholfen, in der tragischen Verstrickung als unzureichend motiviert. Gewiss - auf dem Gebiet der dramatischen Kunst lag Stehrs Begabung eindeutig nicht. Liest man das Werk allerdings sozusagen als dialogisierte Novelle, kann man auch zu anderen Urteilen gelangen. Einblicke in das kulturelle und soziale Klima in einer der östlichen preußischen Provinzen gewährt es jedenfalls nahezu authentisch.
(brucewelch)

Das Besondere ePub bei ngiyaw eBooks von brucewelch - Zurück zum Autor

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Hermann Stehr - Leonore Griebel

Hermann Stehr - Leonore Griebel

Hermann Stehr verkörpert mit seinem beachtenswerten Frühwerk (1898-1905) eine besondere Spielart des Impressionismus, die den »Naturalismus des Innenlebens« stofflich mit Themen der Heimatkunstbewegung verknüpft. Dies bleibt auch Grundlage der Werke seiner neuromantischen (ab 1909) und »völkischen« (ab 1926) Phase, die nichts mit der »Blut-und-Boden«-Literatur zu tun haben, weshalb der Autor auch vom dogmatischen Nationalsozialismus abgelehnt wird, während der offizielle NS-Staat ihn gleichzeitig als repräsentativen Dichter feiert.

Mit seinem ersten Roman "Leonore Griebel" ist Stehr zweifellos am weitesten in die Moderne vorgestoßen; Alfred Kerr nannte ihn in seiner "Totentanz"-Rezension (1912) "ein dunkles Werk schlesischer Meisterschaft". Hier ist mit äußerster Konsequenz Stehrs mystischer Kosmos derart belebt, dass Dalis malerischer Surrealismus auf literarischer Ebene vorweggenommen scheint. Auch im Stoff trifft das Werk …

Friedrich Schiller - Der Venuswagen

Friedrich Schiller - Der Venuswagen



Wenn wir Schillers Werke nach dem Gedicht »Der Venuswagen« durchblättern, werden wir es kaum finden. Schillers erste Verse sind stets verfemt gewesen. Der Dichter hat sie selbst unterdrückt Dennoch - sie sind gerade für den Anfang des großen künstlerischen Schaffens überaus charakteristisch; ihr Wert ist nicht allein im literarischen Kuriosum zu suchen.
Als Schiller im Dezember 1780 aus der Stuttgarter Militärakademie entlassen wurde, nahm er bei der Witwe eines Hauptmanns, bei Frau Luise Vischer, Wohnung, die wir als die berühmte »Laura« anzunehmen haben. Zu derselben Zeit, als der Verfasser der »Räuber« 1781 seine »Phantasie an Laura« schrieb, muß auch der »Venuswagen« entstanden sein. Beide Gedichte ähneln sich im Pathos und. in der Strophentechnik ungemein. Um einzelne Zeilen kräftiger zu gestalten, verkürzt sie der Dichter, der sonst so sehr auf die geschliffene Form bedacht ist, um zwei Silben. Die Sprache bedient sich noch, berauscht in ihrer s…

Bernardin de Saint-Pierre – Paul und Virginie und Die indische Hütte

Bernardin de Saint-Pierre – Paul und Virginie und Die indische Hütte
In diesem kleinen Werke habe ich mir große Aufgaben gestellt: Ich bemühte mich, einen Boden und eine Pflanzenwelt zu schildern, die von denen Europa's sehr verschieden sind. Unsere Dichter haben ihre Liebenden lange genug am Ufer der Bäche, auf den Wiesen und unter dem Laubdache der Buchen ausruhen lassen. Ich habe sie einmal an das Gestade des Weltmeers, an den Fuß der Felsen, in den Schatten der Cocosbäume, der Bananen und blühenden Citronenbäume versetzt. Es fehlt jener andern Hälfte der Welt nur an Theokriten und Virgilen, um von ihr mindestens eben so anziehende Gemälde zu erhalten, als wir sie von unserm eigenen Lande besitzen. Ich weiß wohl, daß geschmackvolle Reisende uns zauberhafte Schilderungen von mehreren Inseln der Südsee gegeben haben; allein die Sitten ihrer Bewohner und noch mehr die der Europäer, die daselbst landen, gereichen der Landschaft oft zur Unzierde. Ich habe gewünscht, mit der Schönheit…