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Theodor Griesinger – Die alte Brauerei oder Criminalmysterien von New-York.

Theodor Griesinger – Die alte Brauerei oder Criminalmysterien von New-York.


Vorrede zum Werk vom Autor

Der geneigte Leser wird von diesem Buche, das ich hier dem Publikum übergebe, sagen, daß es weniger eine abgerundete, in sich vollendete Erzählung, als vielmehr eine Aneinanderreihung von Scenen, Skizzen, Betrachtungen und Ereignissen sei. Ich werde gegen diesen Vorwurf nichts einwenden, denn ich bezweckte weniger einen Roman, als eine Schilderung des offenen und geheimen Thuns und Treibens aller Schichten der amerikanischen Bevölkerung New-Yorks. Nur dagegen protestire ich, wenn mir Jemand sagen wollte, die Abenteuer, die in diesem Buche vorkommen, die Facta, die darin erzählt werden, seien fingirte, und – vielleicht nicht blos fingirte, sondern auch unwahrscheinliche und unmögliche. Ich sage vielmehr, es sind lauter erlebte, nicht von mir, aber von Andern erlebte Abenteuer, – Abenteuer und Facta über welche die öffentlichen Blätter, welche in den letzten zehn Jahren in New-York erschienen, den genauesten Aufschluß geben.
Ich wollte nicht Menschen schildern, wie sie sein sollen, sondern Menschen wie sie sind, ich wollte nicht Ideale, sondern Wirklichkeiten, ich wollte nicht Sentimentalitäten, sondern Thatsachen. Allerdings wird Mancher, der sich bisher das Amerikanerthum in dem rosenfarbenen Lichte der von den Beförderungsagenten und andern ähnlichen »Unbetheiligten« gemachten Schilderungen dachte, entweder gezwungen sein, mich einen Maler zu nennen, der zu grell auftrage – einige sehr wenige thaten dieß auch bei den »lebenden Bildern aus Amerika« obgleich die Wahrheit meiner Schilderungen eine bewiesene ist, und eben deßwegen auch nach und nach von Jedermann als solche anerkannt wird, – oder aber wird er sich darein ergeben müssen, daß der Nimbus des »freien Amerika« verschwinde, des Vorbilds aller Tugend und Glückseligkeit. »Die Wahrheit über Alles,« ist mein Grundsatz. Somit nahm ich keinen Anstand, die allgemeine moralische Fäulniß, welche sich des jetzigen »eingeborenen Yankeethums« bemächtigt hat, naturgetreu zu schildern; ich nahm keinen Anstand, die allgemeine Corruption offen darzulegen, welche aus der amerikanischen Nation eine Rotte von Schacherern machte, die jeden Augenblick bereit sind, die mit dem Blute ihrer Väter eroberte Freiheit an den Meistbietenden zu verkaufen!
So gehe denn in die Welt hinaus, du »Stück amerikanischen Lebens,« wie ich dich nennen möchte, und belehre und unterhalte zu gleicher Zeit.

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